Dedikationseinbände des AEB

Vorheriges

Übersicht

Nächstes

Weitere Bilder

Dedikationseinbände des AEB 2013
 
Dedikationsband 2013 (Hamburg) von Simone Püttmann (Dülmen/Ludwigsburg)
zur Einband-Forschung Heft 31, September 2012

Simone Püttmann (geb. 1970), Buchbinderin, Restauratorin und Dozentin aus Westfalen, hat in ihrer buchbinderischen Laufbahn mehrfach Erfahrungen mit unterschiedlichen Aufträgen in der heutigen Zeit sammeln können. Die Aufforderung, sich als Buchbinderin an dem Gestaltungswettbewerb „Ars liturgica“ im Jahre 2011 zu beteiligen, gehört zweifellos bisher zu ihrer größten Herausforderung. Gesucht wurde zu einem modernen Druck eines Evangelistars ein Einband, dessen moderne Gestaltung der heutigen Verwendung in der Liturgie entsprechen sollte. Als historisches Vorbild spielte aus der Mitte des 11. Jahrhunderts dabei das Theophanu-Evangelistar aus dem Essener Domschatz eine Rolle.

Die Veröffentlichung „Bernhard Ahlendorf. Bücher + Objekte. Eine Biografie mit kunsthandwerklichen Arbeiten“, die Simone Püttmann 2008 mit Joseph Lunemann herausgegeben hat, lässt erahnen, was der Dülmer Meister (1928- 2003) für ihren beruflichen Werdegang bedeutet hat. Heute verfügt Simone Püttmann in ihrem vielseitigen Schaffen über eine Mischung aus handwerklich-technischer Kenntnis und buchbinderischer Beherrschung, erworbener restauratorische Erfahrung und gleichzeitiger Bereitschaft zur Übernahme moderner Anregungen, soweit diese ihrem ästhetischen Empfinden entsprechen.

Stand bei der Auftragserteilung zu einem modernen Einband zu einem Evangelistar dessen liturgischer Einsatz im Vordergrund, ist es im Falle des Dedikationsbandes für die Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek ein Geschenk, mit dem im bibliothekarischen Bereich einbandkundliche Bemühungen anerkannt und unterstützt werden sollen.

Zu den besonders interessanten Schätzen der Hamburger Bibliothek gehören Einbände, in deren Entstehung und Gestaltung sich die Geschichte der regsamen, weltoffenen Hanse- und Handelsstadt widerspiegelt. Es waren und sind vor allem einzelne Buchbinderwerkstätten wie die von Gustav Jebsen, Georg Hulbe, Johannes Gerbers bis hin zu Christian Zwang, in deren Einband-Schaffen im Verlauf der Industrialisierung vom 19. zum 20. Jahrhundert ein spezifisch künstlerisch-hanseatischer Geist zum Ausdruck kam. Parallel dazu lässt sich dieser auch im Schaffen einzelner Einbandkünstler an der Landeskunstschule, der heutigen Hochschule für bildende Künste am Lerchenberg in Hamburg nachweisen. Wenn man darunter Zurückhaltung in der Wahl der Mittel – Simone Püttmann spricht von „der Kunst des Weglassens“     verbunden mit dem Bemühen, ein Vorhaben, mit „ganzer Leidenschaft und Präzision“ anzugehen, um „Schönes-Wertvolles-Dauerhaftes“ zu schaffen, dann entspricht das genau den Vorstellungen, mit denen die westfälische Meisterin an ihre Aufträge geht.

Für den Hamburger Dedikationsband wollte sie die ursprüngliche Heftform der Zeitschrift belassen und wählte deshalb die historische Buchform einer Koperte. Trotz dieser schlichten, historisch begründeten Technik, zu der auch die Heftung auf graue Pergamentriemchen gehört, sollte die repräsentative Form der Gabe eines „edlen“ Dedikationsbandes zum Ausdruck kommen. Das schaffte Simone Püttmann mit mehreren gestalterischen Überlegungen. Da ist zuerst die Wahl des Einbandumschlages aus grauem Oasenziegenleder, das sie mit rotem Ziegenvelourleder kaschierte. Ein grauer Graphitschnitt schafft einen schützenden Rahmen um die Koperte. Die Schlichtheit der Heftform wird jedoch durch die überraschende Bezugnahme auf historische Schmuckformen aufgehoben. Um auf den Inhalt des Heftes und die Arbeit des AEB einzugehen, applizierte Simone Püttmann auf den Vorderdeckel die blindgedruckten Umrisse eines größeren historischen  Schmuckstempels, dessen weitere Konturen in einem farbig fotografierten Papierstreifen enden. Die älteste buchbinderische Schmuckform – der Blinddruck   wurde hier mit moderner digitaler Bildgestaltung kombiniert.

Doch Simone Püttmann steigert die Festlichkeit der buchbinderischen Gabe noch um ein weiteres. Um die graufarbene Koperte baute sie eine Kassette, ausgelegt mit dem gleichen roten Ziegenvelourleder, das sie bereits für das Vorsatz des Heftes benutzte. Der Farbkontrast zwischen dem schlichten Grau der Koperte und dem Inneren der Kassette, die eigentlich nur der Aufbewahrung dient, erinnert an eine farblich eindrucksvolle Inszenierung einer kirchlichen Prozession.

Dennoch bedarf das Ganze einer Beruhigung. Das geschieht mit dem schlichten äußeren Überzug der Kassette aus grauem Bütten, auf dem ein Lederstreifen im gleichen Farbton in blinder Prägung die Initialen „AEB“ trägt. Ein erneuter Beweis dafür, dass ein moderner Dedikationsband aus den Händen einer mitempfindenden und mitdenkenden Gestalterin zum Zeichen der lebendigen Verbindung von Tradition und Moderne werden kann.

Auszug aus:

Schaefer, Helma: Ein Dedikationsband für Hamburg. Buchbinderische Auseinandersetzung mit der Tradition und Moderne

in: Einbandforschung Heft 33/September 2013 S. 4-6


http://www.simone-puettmann.de/

Galerien - Home